Am 10.5.1999 starb meine liebe Frau auf einer Reise in Gersau am Vierwaldstätter See. Auf dem Bild schreitet sie noch rüstig auf mich zu - etwa vier Stunden vor ihrem Tode in Altdorf, dem Hauptort des Schweizer Kantons Uri, wo Wilhelm Tell seinen Apfelschuss abgegeben haben soll. Gersau liegt ganz in der Nähe.
Wir aßen in unserem Hotel zu Abend, Dörte unterhielt sich munter mit den Umsitzenden. Kurz danach sagte sie, bereits im Bett, heute ginge es ihr nicht so besonders. Bald wurde ihr Atem laut und die Luft knapp. Der herbeigerufenen Arzt konnte ihr nicht mehr helfen.
In den schweren Tagen danach fand ich viel Hilfe bei den Mitreisenden, den Förderern des Tierparks Berlin, beim Hotelpersonal und in menschlicher und bemerkenswert unbürokratischer Weise seitens der Schweizer Behörde.
Am 8. Juni fand die Urnenbeisetzung auf dem Waldfriedhof in Berlin-Adlershof statt. Ein Freund von Dörte seit den Studententagen, Herr Professor Dr. sc.med. Heinz David, sprach Worte des Gedenkens, so persönlich wie informativ. Nichts könnte auch an dieser Stelle uns ihr Leben besser in Erinnerung rufen. Deshalb will ich seine Worte mit seiner Erlaubnis hier wiedergeben:
"Lieber Peter, sehr geehrte Angehörige und Mittrauernde! Der Tod kam plötzlich zu Dörte Ruff, und der lange Weg des Lebens vollendete sich für sie in Angesicht des Schweizer Vierwaldstätter Sees innerhalb von Stunden. Und wenn es denn, wie für uns alle, so sein muß, daß das Leben ein Ende findet, dann war dieser kurze Todeskampf während einer interessanten Reise ein wünschenswerter Abschluß. Befürchtet hatte man Dörtes Tod ja schon längere Zeit davor, als ihr ihr Krebsleiden scheinbar keine Chance ließ, sie dieses aber, optimistisch in die Zukunft schauend, mit Hilfe verständnisvoller Ärzte und der modernen Medizin für Eingeweihte unerwartet überwand, und dabei durch die Therapie nicht allzuviel geplagt wurde, ein hoffnungsvolles Beispiel für andere Leidende. Jedoch ein Krebsleiden und die seit langem bestehende Herzkrankheit, mehrfach zu gesundheitlichen Krisen führend, waren zusammen doch zu belastend und letztendlich nicht überwindbar. Wie gut es ihr in der Zeit davor gegangen sein muß, zeigt, daß sie die letzte Studienreise mit Peter in die Schweiz ohne Bedenken unternahm. Diese Reise, wie auch alle anderen der letzten Jahre, waren ein wichtiger Teil ihres Ruhestandslebens. Vor nun fast 50 Jahren begann Dörte Sondermeier nach Arbeitsdienst, Kriegshilfedienst und krankenhelferischer Praktikantentätigkeit schon examinierte Krankenschwester mit mehrjähriger Erfahrung im Krankenhaus Perleberg bei dem von ihr hochverehrten Chefarzt der Chirurgie Herrmann Henneberg, das Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität. Seit unserem gemeinsamen Studienweg von 1950 bis 1955/56, einschließlich zusammen erlebter Famulaturen, entwickelte sich eine bis zu ihrem Tode andauernden Freundschaft, die über das Persönliche hinausging. Unsere Wege kreuzten sich immer wieder und verliefen über Jahre parallel in gemeinsamen Bemühen für die Ausbildung der Medizinstudenten in den 60er und 70er Jahren und vielen anderen gesundheitspolitischen Fragen. Bei der Zulassungskommission und dann in meiner Tätigkeit als Prodekan für Studienangelegenheiten war Dörte Ruff für mich eine kluge, einfühlsame und ideenreiche Mitarbeiterin in allen Fragen des Studiums, der Zusammenarbeit mit den Studenten und in den vielfachen Studienreform-Bemühungen. Prädestiniert für Studienfragen war Dörte Ruff auch durch ihre Weiterbildung nach dem Studium am Physiologischen Institut der Humboldt-Universität. 1958 promovierte sie mit der Note Sehr gut" zum Dr.med. mit dem Thema Untersuchungen zur Frage einers möglichen Antagonismus zwischen verschiedenen Typen von Muskelrelaxantien" . Wissenschaftlich beschäftigte sie sich vorwiegend mit der Nerven-, Muskel-, Herz- und Stoffwechselphysiologie. Ihr besonderes Engagement aber galt der Studentenausbildung. Zuerst während des Studiums über 4 Jahre als Hilfsassistentin, dann als Pflichtassistentin und 10 Jahre als Leiterin des Physiologischen Praktikums von 1958 1967. Nachdem sie 1962 die Facharztanerkennung für Physiologie erhalten hatte, wurde sie zur Oberärztin ernannt. Sie hielt über viele Jahre die Vorlesung Physiologie" für Zahnmediziner und Medizinpädagogen, erhielt 1969 die Facultas docendi und wurde im gleichen Jahr zur Hochschuldozentin berufen, eine Aufgabe, von der sie 1987 entpflichtet wurde. Als Mitglied der CDU seit über 50 Jahren, zeitweilige Angehörige der CDU-Hochschulgruppe und Vorsitzende der CDU-Fakultätsgruppe bis zu ihrer Auflösung konnte sie ihr Gedanken- gut aus dieser parteilichen Bindung in ihre Tätigkeit mit einbeziehen. Bis zu ihrem Tode war sie Mitglied des Vorstands der Seniorenunion Berlin. Immer mehr und öfter zeigte sich ihr Geschick und ihre Fähigkeit bei der Lösung von studien- und wissenschaftsorganisatorischen Aufgaben, so daß sie sich von ihren Aufgaben im Physiologischen Institut allmählich löste, und von der Oberarzttätigkeit abgelöst wurde. In Erweiterung ihrer Aufgaben im Rahmen der Studienorganisation war sie in verschiedenen Arbeitsgebieten der Leitung des Bereichs Medizin tätig, so als wissenschaftlicher Sekretär des Bereichsdirektors Professor Nils Sönnichsen und in der Kommission, die den Neubau und die Rekonstruktion der Charite in den 70er Jahren vorbereitete. 1978 wurde Dozentin Dr. Dörte Ruff dann zur Leiterin der Zentralbibliothek ernannt, eine Funktion, die sie bis Januar 1991 innehatte. Sicher lag ihre Stärke nicht auf bibliothekarischem Gebiet. Aber unsere verschiedenen Aufgaben im Informationssystem Wissenschaft und Technik Medizin führten auch hier zu einer engen und fruchtbaren Zusammenarbeit. Und wer sich noch an die Probleme der Beschaffung medizinisch-wissenschaftlicher Literatur in dieser Zeit erinnern kann, beziehungsweise bereit ist, sich zurückzuversetzen, der wird wissen, daß es ganz besonders dem Engagement von Dörte Ruff zu verdanken war, daß die Einrichtungen der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität (Charité) bei allen niemals vollständig überwindbaren Problemen die wohl bestausgestattete mit internationaler medizinisch-wissenschaftlicher Literatur war. Es scheint mir immer wieder notwendig zu versuchen darauf hinzuweisen, einen Menschen in und aus seiner Zeit zu sehen und zu beurteilen, um ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dörte Ruff war Mitglied der Gesellschaften für Physiologie der DDR, für Geschichte der Medizin und der Arbeitsgemeinschaft Pharmaziegeschichte. Besonders am Herzen lag ihr die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der Förderer des Tierparks, der sie seit 1977 angehörte, wofür sie 1995 die silberne Ehrennadel erhielt. Überhaupt wurden ihre Leistungen auf studienorganisatorischer und gesundheitspolitischer Ebene während ihrer 44- jährigen Tätigkeit an der Charité in vielfacher Weise offiziell hervorgehoben und ehrend anerkannt. Während ihrer Tätigkeit am Physiologischen Institut heiratete die Oberärztin Dr.Dörte Sondermeier 1965 den am gleichen Institut tätigen Oberarzt Dr.Peter Wolfgang Ruff. Viele gemeinsame Interessen, wie die Geschichte der Medizin, die Tierparkförderung und kulturelle Ereignisse und Studienreisen in den letzten Jahren in zahlreiche Länder Europas verbanden sie bis zu Dörtes Tod über 34 Jahre. Wer öfter Gast in der Steinbachstr. 97 war, kann aber auch über die erkennbare Arbeitsteilung zwischen beiden berichten. Für das reale Leben, wie das ideenreiche Komponieren immer neuer Essen, exotischer Gerichte, war Dörte zuständig, während Peter in der in jeder Weise höheren Region, in der Computerwelt", lebte, fasziniert von immer neuen Entwicklungen und Möglichkeiten dieser Wissenschaft, an denen Dörte zwar teilhatte, wohl aber nie die höchsten Weihen erlangte. Das ist Peter geblieben; da man damit aber nicht das einfache Leben bewältigen kann, wird ihm, wie in sicher noch vielen anderen Gebieten, gerade in diesem Bereich Dörte besonders fehlen. Denn beim Kochen hilft meines Wissens auch der leistungsfähigste Computer nicht. Das Leben von Dörte Ruff verlief keineswegs immer gradlinig. Es gab neben den physischen Problemen der letzten Jahre ernste psychische Krisen, die sie jedoch mit Hilfe von Peter und den Verwandten löste. It is time to say goodbye." Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von Dörte Ruff, nicht für einen kurzen Zeitraum sondern für immer. Für immer in Dankbarkeit erinnern werden wir uns aber an die aktive, lebensfrohe, für den Schutz der Tiere eintretende, den Menschen zugewandte Dörte Ruff. Peter und allen Angehörigen möchte ich mein von Herzen kommendes Beileid ausdrücken. Persönlich danke ich Dörte besonders für die vielen Jahrzehnte unserer gemeinsamen Arbeit für die Charité und für ihr unerschütterliches Vertrauen zu mir."
Weitere Erinnerungen.
Zuletzt bearbeitet am 3.10.2000