Erinnerungen an Dörte

Dörte

bis 2001

Tod in der Schweiz
Beisetzung
Der siebzigste Geburtstag
Reisen mit Dörte
Erinnerungen von Christel








2002

2003, 2004

Ein dreiviertel Jahrhundert

Heute, am 2.März, wäre Dörte 75 Jahre alt geworden. So schnell sonst immer die Zeit zu vergehen pflegt, scheint mir ihr 70. Geburtstag doch schon viel länger her zu sein. Es ist, als lebte ich nun in einer anderen Welt, gehe mit dem Frosthauch im Nacken den letzten Gang zum Aufflammen ins Nichts.
Es ist Dörtes Geburtstag, auf dem sie selbst nicht mehr anwesend ist, wie schon in den beiden Jahren davor. So rund er auch ist. Auch kein Gast wird kommen. Einige werden daran denken. drei, vier vielleicht mich gar anrufen: die drei Geschwister. Eventuell gar Freunde. Vielleicht denkt einer an den siebzigsten Geburtstag zurück. Ich werde allein sein. Aber ich bin nicht einsam. Ich habe in diesen Jahren viel Zuwendung erfahren, und bisher reißt das nicht ab. Glücklicherweise. Dafür bin ich dankbar. Sollte ich nicht erfüllt sein - und das meinen die anderen eher als ich ob der Zersplitterung meines Tuns - ausgefüllt bin ich allemal.


Weitere Erinnerungen auf dieser Seite:

- Professor Soennichsen erinnert sich
- Unser Neffe Stefan Sikora erinnert sich


Mein Schwager Walther wies mich auf die Lebenserinnerungen des Dermatologen Professor Dr.sc.med. Niels Sönnichsen hin ("Mein Leben - für die Charité, gegen Aids, zwischen Ost und West." Berlin 2000: Das Neue Berlin Verlagessgesellschaft mbH), in dem er Dörtes Mitarbeit würdigt. Er war seinerzeit Direktor des Bereichs Medizin der Humboldt-Universität und Dörte seine Wissenschaftliche Sekrätärin. Dort steht auf S. 107:

"Die Funktion als Bereichsdirektor der Charité war am Anfang natürlich völliges Neuland für mich. Doch ich hatte ein tüchtiges Team von Mitarbeitern, von denen ich zwei besonders erwähnen möchte, ohne daß die anderen sich gekränkt fühlen: Frau Dr.Dörte Ruff, meine Bürochefin, und Herrn Lasse, meinen Fahrer.
Frau Ruff, mit der ich zusammen studiert hatte, kannte mich so gut, daß sie oft kongeniale Reden für mich entwarf, die ich ständig zu mehr oder weniger sinnvollen Anlässen halten mußte. Ich war es eigentlich gewohnt, frei zu sprechen, aber auf diesem Posten mußte man auch Manuskripte haben, die jeder Kritik von oben standhielten. Sie wußte genau, welche Akzente ich setzen sollte, und hat sie dann in meine Texte eingearbeitet. Sie las auch für mich den ganzen bürokratischen Berg von Verordnungen und Parteierlassen, Gesetzestexten und Verwaltungsvorschriften, die mich eigentlich überhaupt nicht interessierten. Sie legte mir dann Extrakte daraus auf den Tisch, damit ich bei den vielen Sitzungen wenigstens mitreden konnte. Wir hatten verabredet: Selbst die größte Akte muss ich in zwei Minuten verstehen können. Und daß sie mir diese Arbeit abnahm, hielt mir Kopf für meine eigentliche Arbeit frei. Ich habe noch heute einen ausgesprochenen Widerwillen gegen jede bürokratische Aufgeblasenheit.
Ihr Meisterstück lieferte Frau Ruff ab, als ich einmal von einer Reise von München zurückkam und eine knappe Stunde später eine Begrüßungsrede für neue Studenten an der Charité halten sollte. Sie kam mir schon auf dem Bahnhof armeschwenkend entgegen, hielt in der Hand mein Redemanuskript - das sie verfasst hatte. Während der Autofahrt wies sie mich sozusagen ein, erläuterte mir die wichtigsten Passagen. Ich rasierte mich in der Klinik, da ich ja die ganze Nacht durchgefahren war, zog mich um, trank einen schnellen, starken Kaffee, und selbst auf dem Weg zum Hörsaal nannte sie noch die eine oder andere Formulierung, auf die ich achten sollte. Die Rede wurde ein voller Erfolg, dank Frau Ruff."
Man könnte fast denken, nicht Sönnichsen, sondern Dörte sei in der SED gewesen. Sie war aber, im Unterschied zu dem Pastorensohn Sönnichsen in der CDU, in der sie nach der Wende noch im Vorstand der Berliner Seniorenunion wirkte (vgl, den Nachruf von Prof. David.). (2..12.2002).


Jedem, der Dörte gekannt hat, wäre ich für die Mitteilung von Erinnerungen an sie oder von kleinen Anekdoten, in denen sie eine Rolle gespielt hat, dankbar und werde sie sein/ihr Einverständnis vorausgesetzt, höchstwahrscheinlich hier mitteilen. Besonders denke ich dabei an die lieben Verwandten und unter denen wieder an die Nichten und Neffen, die für Dörte immer eine Art von Ersatz-Kindern waren, ihr viel bedeutet haben und an deren Schicksalen sie engen (und stolzen) Anteil nahm. Schön wären aber auch Zeilen von Freunden, Bekannten, Kollegen oder ihren Doktoranden. Sie brauchen keineswegs Trauer oder Wehmut auszudrücken oder Dankbarkeit zu bekunden. Sie sollten das Leben, die vergangenen Zeiten und Dörtes Art widerspiegeln, Geschehenes einige Zeit länger dem Vergessen entreißen und können durchaus froh oder fröhlich stimmen.


2003

Gerade rechtzeitig zu Dörtes 76. Geburtstag entspricht Stefan Sikora, einer von Christels vier Kindern dieser Bitte, wie er seit langem vorhatte. Das freut mich sehr. Kann man sagen, er spricht für die anderen zwei Neffen und fünf Nichten mit? Oder wird es vielleicht die/den eine(n) oder andere(n) oder überhaupt Verwandte oder Bekannte anrgen, ein paar eigene Worte hinzuzufügen?

Tante Dörte war (und ist) eigentlich die einzige Tante, die mir immer (als Patenkind ohnehin) im Bewußtsein präsent war. Das mag all die übrigen Tanten wurmen, aber so ist es nun mal und außerdem ist es eine Tatsache, die zu leugnen schlechterdings absurd wäre. Was hat es für einen Sinn, über einen Baum zu sagen, daß es ihn nicht gäbe, wenn man vor ihm steht ... Tante Dörtes Präsenz hat wohl mehrere Ursachen. Die eine ist, daß wir auch ihr präsent waren. Sie hat nie einen Geburtstag vergessen, das betrifft wohl alle Geschwisterkinder, und als wir klein waren, fehlte nie ein kleines oder größeres Geburtstagsgeschenk, welches immer den besonderen Reiz der Originalität hatte. Sei es ein gigantischer Radiergummi, ein Mehrfarbenkuli (wir waren Kinder!), ein besonderes Buch - ihre Spezialstrecke, wie man weiß. Für "Am Ufer des Sewan" habe ich mich noch ein Jahr lang bedankt, sobald wir mal telefoniert haben - irgendwann war es ein Ritus geworden. Ihr letztes Geschenk, ein Buch über einen französischen Drei-Sterne-Koch, hat mich so fasziniert, daß ich angefangen habe, die im Buch beschriebenen Gerichte nachzukochen - durchaus mit Erfolg. Schließlich, als sie schon Großnichten und -Neffen hatte, bot sie all ihre Strickkünste auf, um die lieben Kleinen mit absolut einmaligen Pullovern, der Stolz der ganzen Familie, einzukleiden. Ich persönlich bin als Kind in den Genuß von "Elefanten-Schuhen" gekommen, was neben Tante Dörtes Aufmerksamkeit auch der Tatsache zu verdanken ist, daß es in (Ost-) Berlin ab und zu auch mal Westsachen zu kaufen gab. Der zweite Grund ihrer Präsenz war wohl ihr Stolz, aus der Provinz kommend in Berlin nicht nur Fuß gefaßt, sondern am größten Uniklinikum der DDR Karriere gemacht zu haben. Berlin zu besuchen hieß genau so viel wie Tante Dörte zu besuchen - und vice versa. Das Allergrößte war, sie im "Isstitut" (wir Kinder wußten nicht, was damit gemeint war) aufzusuchen und Ratten zu streicheln oder Fahrstuhl zu fahren, welcher übrigens keine innere Tür hatte, so daß man an der nackten Wand vorbei fuhr. Später, als sie die wissenschaftliche Bibliothek der Charité leitete, hatten wir schon größer gewordenen Kinder durchaus ein Gefühl dafür, an welch wichtigem Knotenpunkt der Charité sie saß und freuten uns mit ihr, wenn sie uns wieder einmal erzählen konnte, welchen Professor sie durch schnelle Recherche und prompte Beschaffung eines Buches verblüffen konnte. Ihre Storys waren nicht näselnd und hochmütig, sondern gemütlich und selbstbewußt: "Da hab ick ....", "Da hat der Professor aber jestaunt". Als Student schließlich legt ich meine Besuche so, daß ich immer zur Mittagszeit auftauchte, so daß ich in den Genuß eines (für mich natürlich kostenlosen) Menüs in der Professorenmensa kam. Tante Dörte "war wer" - in der Familie und im Beruf. So wie sie in der Bibliothek Umschlagplatz aller wissenschaftlicher Neuigkeiten war, wußte sie auch im Familienleben ihrer Verwandten bestens Bescheid. Eine Institution eben, und immer präsent. Wir kleineren und größeren Kinder konnten Tante Dörtes Aufmerksamkeit nur durch Anhänglichkeit erwidern und sie hat uns spüren lassen, daß dies auch richtig verstanden hat.


unser weißer Flieder 2004 traurig verregnet

2004

Fünf Jahre lebe ich nun allein. Sie sind schnell vergangen. Aber es ist doch schon lange her, liegt weit zurück, ist wie eine ferne Erinnerung, was das tägliche Leben und all die veränderten Routinen betrifft. Im Haus ist das meiste so belassen wie es war, das Gewohnte, so weit es die Veränderungen nicht anders erforderten oder zweckmäßig machten. Der erste Impuls des Räumens und Ordnens, so weit es sein musste, ist vorüber. Vieles harrt der Durchsicht und Entsorgung. Kaum lohnt es sich noch: Bald bestellen die Erben die totale Entrümpelung ...


Montenegro 1965, fast 35 Ehejahre vor uns

2009

Nun ist Dörte zehn Jahre tot. Was ich vor fünf Jahren schrieb, gilt heute noch. Neues kann nur mich, den Übriggebliebenen, oder meine Rezeption des Verlustes betreffen. Gesundheitlich fühle ich mich eher besser als damals. Dennoch gilt, was in der Voraussage des Sterbens eherne Tatsache ist - ganz unabhängig von jedem Befinden: Ich habe fünf Jahre weniger zu leben. Obwohl ich vielerlei zu tun habe und mir zu tun mache, hat sich das Sein und haben sich die Abläufe konsolidiert. Auch das Hin und Her der Politik hat daran bisher nicht viel geändert. Gleichbleiben ist das Beste, denn selten geschieht Gutes. Der einzig mögliche Gewinn ist eine Verlangsamung des individuellen Niederganges. Im Denken und Andenken an die Verstorbene nimmt Vergesslichkeit zu und blassen die Erinnerungen im einzelnen ab. Das Gedenken im großen und ganzen bleibt, was Zusammensein, Zusammenleben und Zusammenerleben betrifft. Gottvater, Petrus oder einen mich kommandierenden Engel aus der untersten Ordnung werde ich nicht sehen und Hoffnung auf ein Wiedersehen habe ich keine.



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Zuletzt am 9.5.2009 inhaltlich verändert.