Am 8. Juni 1999,
wurde Dörte, meine liebe Frau, beigesetzt. Als wir uns alle vor der
Kapelle auf dem Adlershofer Waldfriedhof einfanden, schien die Sonne noch
wunderschön durch das Laubwerk. Es war wie in einem antiken Hain und fast
ein zu freundliches Bild. Und es gab ein vielfaches, oft unerwartetes
Wiedersehen mit Verwandten , teils aus fremden Städten, ja Ländern,
mit Freunden, von denen auch manche von weit her angereist waren, und mit alten
Kollegen, die ich oft seit langem nicht gesehen hatte. Die Begnungen und
Begrüßungen lenkten im Augenblick fast von dem so traurigen Anlass
ab. Desto schrecklicher schlug er auf mich nieder, als ich als erster bei
schmerzlichen Klängen dem blumengeschmückten Katafalk in der noch
leeren Kapelle entgegenging.
Wie gut nur, einen alten Freund und
Dörtes Studienkollegen die Worte des Gedenkens
aus gutem persönlichem Kennen mit wohlvertrauter Stimme sprechen zu
hören! Und am Grabe fand Dörtes Schwester Christel bewegende Worte
des Erinnerns und des Trostes:
"Lieber Schwager Peter und alle, die zu diesem schweren Abschied gekommen sind. Nun, da wir am Grabe unserer lieben Dörte stehen, ist uns ihr Tod traurige Gewißheit .Wir konnten ihr plötzliches Sterben nicht fassen und hatten keinen Trost, außer dem, dass ihr ein langes Krankenlager erspart blieb. Wie haben wir Dörtes Energie und eisernen Willen bewundert, mit denen sie ihre schwere Krankheit tapfer bekämpfte. Sie gab nicht auf und wir waren voller Mitfreude über ihren neuen Lebensmut und ihre Reisepläne. Sie war immer Anlaufpunkt für die weitverzweigte Familie und nahm regen Anteil am Leben, Wachsen, Lernen und Wirken eines Jeden. Voll Dankbarkeit denken wir daran, wie oft und wie gern sie uns und den Kindern mit Rat und Tat geholfen hat. Gott möge ihr all das Gute, das sie getan hat, vergelten. Unser Mitgefühl gilt vor allem Dir, lieber Peter. Du warst mit ihr über 3 1/2 Jahrzehnte liebevoll verbunden. Wir werden Dörte sehr vermissen und sie immer in dankbarer Erinnerung behalten. Von der Erde sind wir genommen, und zur Erde kehren wir zurück. Herr, gib ihr die ewige Ruhe und schenke ihr das ewige Leben. Ruhe in Frieden liebe Dörte."
Als wir nach der anschließendenTrauerfeier, Stunden später, ins Freie traten, hatten sich überrraschend, von uns unbemerkt, alle Schleusen des Himmels geöffnet, Tränenströmen gleich...
Die Erinnerungen gehen zurück. Mit
dem letzten habe ich begonnen. Hier ist der Schmerz am Platze. Schön
wäre es aber, wenn nun Erinnerungen folgten, ernste und heitere. Eben in
der Mischung, wie das Leben für uns alle ist. Wir leben nicht, um Stoff
für schmerzliches Gedenken anzusammeln.
Schön wäre es,
wenn hier Verwandte, Freunde und Bekannte zu Worte kämen und gemeinsam
Erlebtes, Episoden und Eindrücke dem Vergessen entzögen! Gern
würde ich derartiges hier anschließen, Es bedarf dazu nicht vieler
Worte und keiner literarische Ambitionen.
Aber besuchen Sie zunächst eine kleine Bildergalerie.
Vielleicht sollte ich mit einer Blütenlese aus Beileidsbriefen beginnen und so, von hinten her, die Jahre rückwärts aufspulen. Mir fiel nämlich auf, wie sich in den Briefen die Einschätzung Dörtes ähnelt. Verstellung war ihr fremd , sie war, wie sie war, und sagte, was sie dachte, soweit man sich das erlauben konnte. Dadurch stellte sie sich allen nahezu gleich dar. Natürlich werde ich die Namen der Briefschreiber nicht nennen. Wer aber möchte, den mache ich gerne namhaft. . .
Weiterer Inhalt dieser Erinnerungsseite:
-
Tod in der Schweiz
- Der siebzigste
Geburtstag
- Reisen mit Dörte
-
Erinnerungen von Christel Sikora an ihre Schwester
Dörte
- Sind sie es wirklich? (ein unbekanntes Kinderbild)
Wenn einem die Frau auf einer Auslandsreise stirbt, scheint das die denkbar schlechteste Kondition zu sein. Der erste praktische Gedanke, den das unfassbare Geschehen zulässt, ist darauf gerichtet. Man erwartet unsägliche Komplikationen. Selbst die Sachbeareiterin der Versicherungsanstalt war später betroffen. "Träfe es meinen Mann, wüsste ich nicht, was ich tun sollte", sagte die Fachkraft.
Hotel des Alpes in Gersau, in dem Dörte starb.
Es war alles ganz anders. Alles regelte sich fast ohne mein Zutun. Der Bestattungsunternehmer, den ich nur kurz gesehen und mit dem ich dann nur noch einmal telefoniert hatte, regelte alles. Die Dame in der Hotelrezeption, wo ich mich fast den ganzen nächsten Tag aufhielt, während die Reisegruppen alle unterwegs waren, half mir mit Rat und Zuspruch und bei den Telefonaten. Am Abend kam ein Fax aus Berlin, die Versicherung des Reiseunternehmens, von der wir alle nichts wussten, werde alle Kosten übernehmen. Niemand wusste auch, wie sie es erfahren hatten. Und mit der Schweizer Behörde in Gersau hatte ich höchstens eine halbe Stunde zu sprechen. Der mitfühlende Zivilstandsbeamte zeigte nichts von der oft durch Schweizer Schriftsteller angeprangerten eidgenössischen Bürokratie. Das war buchstäblich alles. Die Bürokratie griff erst in Deutschland.
Herr H. aber, der Zivilstandsbeamte, teilte mir einige Zeit später mit, seine Kanzlei habe zu Ehren meiner verstorbenen Frau eine Geldsumme zugunsten der Rekonstruktion der Gersauer Friedhofs- kapelle gespendet. Wäre in meiner lieben deutschen Heimatstadt ein Abgeordneter auf einen derart außergewöhnlichen Gedanken gekommen, hätte das monatelange Debatten ausgelöst, bevor man endgültig darauf verzichtet hätte.
Wir pflegten unsere Geburtstage entspannt und einander
zugewandt zu zweit zu feiern. Nur wenige Verwandte wohnen in Berlin. Gäste
waren eine Seltenheit.
Am 70. Geburtstag nahm die Sippe liebevoll "Rache" und
stellte sich überraschend in großer Zahl ein. Glücklicherweise
war es der wärmste Märzanfang seit 1920, also auch Dörtes
wärmster Geburtstag. So konnten sich die Gäste außer im Zimmer
auf die Terrasse und den Rasen verteilen. Dörtes Schwester Christel
begrüßte das Geburtstags"kind" mit einem beziehungsreichen Gedicht.
Das Ende geht mehr in freie Rhythmen aus. Aber daran kann es nicht gelegen
haben, dass die guten Wünsche nur noch für 26 Monate in
Erfüllung gehen konnten.
| Der vielen Gäste große Zahl die gleicht wohl einem Überfall. Und Dörte hat mehr Frust als Lust. Dabei hat sie ihr Lebtag doch gewußt: den 70., den muss man feiern und begehn (und schließlich sind doch auch Geschenke scheen!). Die Jahre sieht man ihr so gar nicht an - kein graues Haar man sehen kann. Auf Reisen ist sie oft und gern, mit Diepgen spricht sie fast intern. Und über etlich dreißig Jahr sind Ruffs ein treues Ehepaar. Sie wohn' in einem Häuschen fein, jüngst kamen neue Fenster rein und neue Heizung, neuer Putz. Das alles dient dem Klimaschutz. Wir alle, die wir sind mit ihr verwandt, sind hier und wollen gratulieren mit tausend guten Wünschen für Glück, Gesundheit und Zufriedenheit. Viel Freude sei Dir lang beschieden durch Peter, Bücher, Fernseh'n und PC, durch Reisen, Shopping und am Herd Hantieren. Die Welt ist groß und schön! Von Herzen alles Gute. |
Als Geschenk besonderer Art folgte ein musikalischer
Gruß, auf der Geige vorgetragen von der damals noch 13 jährigen
Großnichte Kristin Sikora, Christels Enkelin. Zum Mittagessen hatten wir
in einem chinesischen Restaurant "sicherheitshalber" vier Plätze bestellt.
Aber Chinesen sind findig und brachten uns alle unter. Nach dem Essen ging es
in einem Verdauungsspaziergang wieder nach Hause wie in einer kleinen Demo.

Und es wurde weiter gefeiert. Nie wieder
war es Dörte beschieden, ihre Verwandtschaft so zahlreich um sich
versammelt zu sehen. Aber sie hat es sehr genossen.
Alle Geburtstage
zwischen 1966 und 1999 haben, also Dörtes 39. bis 72., haben wir als
Eheleute zusammen verbracht. Die zehn Jahre davor waren wir auch immer
zusammen, wenn Dörte nicht zu Hause in Perleberg feierte. Den 70.
Geburtstag haben wir für unsere Verhältnisse am größten
gefeiert. Ihr sechzigster war mehr ein Ereignis in der medizinischen
Fakultät der Humboldt-Universität. (Damals leitete Sie der
Zentralbibliothek der Charité.)
Die Liste wird noch bearbeitet. Von den kürzeren Reisen innerhalb der damaligen DDR sind nur wenige aufgeführt.
" Merkwürdig,
ganz frühe Erinnerungen habe ich gar nicht. Ich bin 2 1/2 Jahre
jünger und war womöglich sehr mit mir selbst beschäftigt oder
durch nichts Aufregendes beeindruckt. Unsere Mutter erzählte aber im
Frühjahr,
daß das Wetter schon öfter Kapriolen
machte. Dörte nämlich zog an einem 2.März, ihrem 4 oder
5.Geburtstag Söckchen an, weil die Sonne so warm ins Zimmer schien. Sie
war schon bald sehr selbständig. Wir konnten ja ohne Aufsicht in der
Kleinstadt Perleberg spielen, unser Griundstück war durch das
Fabrikgelände interessant und verführerisch, viel Verkehr oder
gefährliche Mitmenschen gab es nicht, jeder kannte Sondermeiers Kinder.
("Sondermeier mit 3 Eier", riefen uns manchmal andere Kinder nach.)
Die Geburtstage wurden mit viel
Gästen gefeiert, ein Dutzend Kinder waren immer da, Schulfreundinnen und
auch die Töchter von befreundeten Familien. Dörte "schwirrte" also
schnell mal zum Hoftor raus, aber mich als kleine Schwester wollte sie nicht
mitnehmen. Ich war wirklich noch zu klein, und so hat uns unsere Mutter
später erzählt, daß dann die Hoftür zuknallte und meine
Finger noch dazwischen waren. Ich weiß das aber nicht mehr! Dörte
kam mit dem 5.Schuljahr in die Städtische Frauenschule Perleberg, eine
Oberschule, die auch zum Abitur führte, aber den Unterricht auf
"frauenspezifische Fächer" ausrichtete. Dazu gehörte Handarbeit (auch
Maschine-Nähen), Kinder- und Krankenpflege, Kochen und Hauswirtschaft,
Fremdsprache nur Englisch. Wenn ein Mädchen
sich auf ein bestimmtes mehr "männliches" Studium orientierte, besuchte es
ab 11. Schuljahr (Unterprima) das Städtische Gymnasium für Jungen.
Latein: das weiß ich nicht genau, weil Ende des Krieges alles
durcheinander kam. 1944 erhielt Dörte das "Notabitur" und wurde zum
Reichsarbeitsdienst (RAD) eingezogen, das galt, glaube ich auch als
"Pflichtjahr", heute würde man sagen Sozial-Jahr oder Zivildienst. Unsere
Cousine Hildegard Rudloff (*Jan.1923; später Brosteanu) war mit 16 Jahren,
also ca. 1939/40 als Pflichtjahrmädchen bei uns in Perleberg, das hatten
die Mütter so "gedeichselt". Als auf dem hellen Lineoleum beim Toben
schwarze Striche von den Schuhen entstanden, radierte sie diese mit
Hilde aus!. Dörte war
als Schülerin der Frauenschule
dreimal in den Sommerferien Praktikantin (o.ä.) in Großbetrieben,
z.B. Haushalt (bei Wiener Verwandten), Kinderheim (St.Peter Ording),
Krankenhaus (Perleberg? kann ich nicht genau sagen.) - Dörte konnte Anfang
des Krieges noch zur Tanzstunde gehen, ehe der totale Krieg so etwas verbot.
Wir kleinen Geschwister paßten dann genau auf, welcher Kavalier sie
abholte. Das verbat sie sich natürlich energisch. Aber wir klappten dann
die Briefschlitze in der Verandatür hoch und spähten, gebückt
dahinter, durch diese auf den Wartenden. In Perleberg gab es damals den
"Bäckerbummel" der Jugendlichen. Die Hauptgeschäftsstraße ist
noch heute die Bäckerstraße, und dort "flanierte" man eben. Und
Dörte machte nur zu gern mit!
1943, mit dem "Bombenkrieg", wurde viel anders. Wir
hatten viel Fliegeralarm, suchten auch anfänglich oft den Keller auf. Da
aber die feindlichen Geschwader meist nur über Perleberg hinwegflogen,
unterblieb das bald. In Perleberg fielen nur einmal Brandbomben, und die trafen
ausgerechnet auch das Fachwerkhaus von Heinz Rückerts
Stiefgroßmutter (Großmama Auguste Koch) in der
Mühlenstraße: Tante Koch saß im Keller, wurde leicht verletzt
und wohnte dann bis zu ihrem Tode (1949? 1950?) bei uns im Giebelzimmer mit
einer Kammer und Küche, gepflegt auch von der Flüchtlingsfrau Frau
Genterschewski aus Küstrin. Vorher aber war die Giebelwohnung belegt von
einem alten Ehepaar, das in Hamburg 1943 ausgebombt wurde. Der Mann
beschäftigte sich in unserer Fabrik, die Frau half meiner Mutter in ihrem
großen Haushalt. Vor Ende des Krieges sind die beiden aber wieder nach
Hamburg zurückgegangen. Dörte kam im Sommer 1944 zum RAD nach Kremmen
b. Berlin. Dort wurden die Maiden im Haushalt oder bei Bauern eingesetzt. Hier
bekam Dörte durch einen Hund einen tüchtigen Biß und hatte
durch den Schrecken ihr Leben lang Angst vor Hunden.Im Februar oder März
1945 desertierte sie und war beim Einmarsch der Russen (das war in Perleberg
der 12. April) zu unserer Freude also zu Hause. Sie hat auch noch unsere
Familienschätze mit vergraben, und hockte mit Mutter und Schwester
unter der Veranda im Sand des Fundaments, besser wohl
Baugrube. Die Veranda hatte unser Vater 1936 als Vorbau mit Hauseingang vors
Haus bauen lassen, nebenbei gesagt, ohne Baugenehmigung (lieber zahlte er
Strafe). Dabei wurde ein Zimmer der Wohnung zur Diele, und der entsprechende
Kellerraum darunter ohne Licht, obgleich das (vergitterte) Fenster offen blieb
und man so unter die hohle Veranda kriechen konnte. Als Kinder hatten wir da
mal mit Heinz Rückert mächtig im märkischen Sand rumgebuddelt
und eine Art Schützengraben gebaut. In den krochen die weiblichen
Mitglieder der Familie aus Furcht vor den Russen! Sie fanden uns nicht. Wir
wohnten aber lange im Keller. Weil unser Elternhaus für die Kommandantur
beschlagnahmt wurde und oben die Russen "hausten".
Kindheit Wir
mußten - als Mädchen - natürlich viel im relativ großen
Haushalt helfen. Im Hause lebte immer eine Pflegebedürftige, z.B.
bis 1933 (34?) Hedwig Bohmbach
bis ca. 1928 Tante Sauer
bis 1936
Omi Koch geb. Lüdecke,unsere Großmutter mütterlicherseits, sie
starb an Anämie
bis 1949 Tante Koch - Stiefgroßmutter von Heinz
Rückert
bis 1961 Frau Genterczewski.
Wir hatten
immer eine Haushaltshilfe, Ofenheizung, kein warmes Wasser, keinen
Kühlschrank, keine automatische Waschmaschine, aber einen Kutscher
für 2 Pferde (bis zum Krieg), einen großen Garten, etliche Hektar
verstreute Äcker (von den Gründern der Familie Koch, die außer
Schmieden und Stellmachern auch Ackerbürger waren). Aber trotzdem:
Zugreifen war Pflicht! Dörte war daran nicht sehr interessiert. Meist
sagte sie: das kann ich nicht! (z.B. Gardinen Abnehmen oder Aufhängen.)
Sie wußte sich aber zu helfen, wenn für die Schule etwas fehlte, und
es bei den Geschwistern zu requirieren war. Mich jedenfalls hat es
geärgert, wenn bei mir die Ordnung im Schrank durcheinandergebracht wurde,
weil sie bei mir suchte, was sie dringend brauchte.
1936 waren die
Olympischen Spiele in Berlin. An unserem Elternhaus fuhren die Autos nach
Berlin vorbei. Wir saßen auf dem Zaun (auf den dicken Pfeilern) vor dem
Elternhaus und schrieben Autokennzeichen auf.
Wir zwei Schwestern hatten
zusammen ein Kinderzimmer und schliefen auf "Chaiselongues", die über Eck
standen. Sie sollten, als wir größer wurden, durch ganz tolle, vom
Tischler mit Unterschüben und ähnlichen Erweiterungen versehene
Betten ersetzt werden. Modell war Heinz Rückerts Bett, der damals schon in
Hamburg wohnte.) Dazu kam es nie, der Tischler konnte oder wollte nicht und am
Ende war durch den Krieg das Material nicht da. Dörte durfte, da ja eine
Renovierung des Zimmers anstand, die Wände über den Betten mit
Bildern aus Zeitschriften tapezieren, das waren - natürlich - meist
Filmschauspieler. Sie ging ja auch sehr gern ins Kino (für damals 25 Pfg.)
oder aufs Schützenfest und Jahrmarkt, aber sie las auch sehr viel.- Wie
alle Heranwachsenden damals wurde sie Jungmädel (mit 10 Jahren) und mit 14
in den BDM übernommen (Bund deutscher Mädchen). Das bedeutete
mittwochs und samstags am Nachmittag (3 - 5 Uhr) zum "Dienst" zu gehen. Die
Intelligenteren übernahmen mehr Verantwortung, wurden
Schaftführerinnen. Dörte übernahm zur Unzufriedenheit unserer
Eltern ein Schaft in Nebelin (Dorf bei Perleberg, ~ 6 - 8 km entfernt). Aber
sie bekam, von den Geschwistern sehr beneidet, ein Fahrrad, um den Weg besser
zu bewältigen. Ich glaube nicht, daß sie auf dem Dorf Ideologie
vermittelt hat, meist wurden Geländespiele gemacht oder Theater gespielt
oder Lieder eingeübt. Dörte besaß eine (ungeliebte)
Blockflöte, die aber eines Tages verschwunden war. Meine Mutter meinte,
daß Dörte beim Verschwinden nachgeholfen hätte, sie aber stritt
das ab. Der Fall blieb ungeklärt. Dörte hatte auch Klavierstunden,
die sie absolvierte ohne große Begeisterung, aber auch ohne Abneigung.
Das genügte jedoch, um Verständnis und sicher auch ein bißchen
Liebe zur Musik zu entwickeln. Dagegen wußte sie genau, was sie werden
wollte: Ärztin, das war ein Beruf, der in der Familie, in der
Verwandtschaft und Bekanntschaft eigentlich nicht vertreten war (Ausnahme
Hartwig Dannenberg, Sohn der jüngeren Schwester unseres Vaters.) Ich
erinnere mich, daß mein Vater (*1885, also damals bereits 60 Jahre alt)
zu sagen wagte: "Kann es nicht vielleicht Veterinärmedizin sein?"
Dörte fuhr auf und schrie: Nein, nie werde ich zum Impfen in einen
Schweinestall gehen.!" Hartwig *1919 aber wurde als Medizinstudent eingezogen
und hatte zu uns kaum eine Beziehung). Im September 1945 fing der
Schulunterricht wieder regelrecht an, Dörte kam ins 11. Schuljahr. Alle
Schüler mußten auf Anordnung des Schulrats das letzte Schuljahr
wiederholen (man hatte tatsächlich nichts gelernt wegen Ausfall,
Flüchtlingshilfe, Kohlenferien usw. Zudem war von nun an der Beginn des
neuen Schuljahres auf den 1. September verlegt worden, vorher war ja Ostern die
Versetzung. In der Klasse lernten nun auch männliche Schüler, das
Gebäude des Gymnasiums war Russenschule geworden. Und die männlichen
Schüler waren alle schon Flakhelfer, manche sogar Soldaten an der Front
gewesen! Das Abitur legten alle im Sommer 1947 ab. 3 Jahre lang bewarb sich
Dörte um die Zulassung um ein Studium der Medizin, vergeblich.
Zunächst wurde männlichen Bewerbern der Vorzug gegeben, sie waren ja
auch älter und erfahrener, kamen z.T. aus der Gefangenschaft. Und zum
anderen war Dörtes Vater Kapitalist und die sowjetische Besatzungsmacht
zog Arbeiterkinder vor. Dörte ging ins Krankenhaus, wurde Schwester und
OP-Schwester und nahm an den wissenschaftlichen Vorträgen teil, lernte
Latein beim Superintendenten und war überglücklich, als die Zulassung
zum Medizinstudium an der HU im Spätsommer 1950 eintraf. Zur gleichen Zeit
bekam ich meine Zulassung fürs Pädagogikstudium an der HU. Ich sehe
uns noch beide mit Schultüten auf der Verandatreppe des Elternhauses
stehen. Zum Schulbeginn als 6-jährige hatten wir nämlich keine
Schultüte bekommen. Meine Mutti meinte damals, daß es zu viele
Kinder gäbe, die auch keine kriegen könnten, weil die Eltern zu arm
sind...
Nun übernahm unsere Mutter die schwere Aufgabe, eine
Studentenbude für uns beide zu organisieren, und das in dem kaputten
Berlin von 1950. Die Verwandten waren auch ausgebombt. Aber ein schon beinahe
angeheirateter Cousin (Michael Brosteanu, Rumäne, ehemaliger Flieger aus
Sofia, Flüchtling) kam wegen Tbc in ein Sanatorium, und Dörte zog
für etwa 5 Monate nach Kreuzberg in dessen Zimmer. Inzwischen hatte meine
Mutter die Schwester eines Perleberger Bekannten (Otto Mücke) bearbeitet,
daß sie, die Frau Kaldum, doch ein Zimmerchen (12 qm) für uns
Mädchen hergeben soll. Das war ein Teil der 3-Zimmer-Wohnung in der
Blumenstraße, wo Herr und Frau Kaldun sowie ihr Berliner Bruder schon
wohnten. Kein Bad, Ofenheizung, Toiletten am Ende des Korridors eingebaut.
Möbel mußten wir selber bringen. Nach den Semesterferien zogen wir
ein. Das war prima.
Ein Beispiel für die schwierige Versorgungslage
damals: Wir brauchten alle neue Schuhe. Die gab es nur auf Bezugschein oder in
den westl. Besatzungszonen bzw. in Westberlin. Unser Vater, gesetzestreu,
meinte, man müsse alles in der Sowjetischen Besatzungszone kaufen, alles
andere wäre illegal. Da setzte Dörte sich Woche für Woche vor
seine Nase und nähte ihre kaputten Schuhe mit Fingerhut, dicker Nadel oder
Zwirn. Da wurde er weich und erlaubte "Schwarzhandel". Dörte wurde 30
Jahre und wohnte immer noch bei Kalduns in der Blumenstr., Bln C2. An ihrem
Geburstag spielte ihr zu Ehren Herr Kaldun auf seiner Trompete: "Schier 30
Jahre bist du alt." Sie platzte beinahe vor Empörung.
Krankheiten:
etliche Knochenbrüche, Lungenentzündung (1955?) Dörte war stolz
darauf, in der Physiologie. Hilfsassistentin geworden zu sein. Sie brachte auch
mal einen Totenschädel mit in die Studentenbude und zog mich auf, weil ich
das nicht so passend fand.
Unsere Mutter meinte immer: Dörte
hängt sich alles um den Hals und Christel setzt sich alles auf den Kopf.
Dörte hatte ständig "Herrenschnitt" und schnell bräunende Haut,
so daß unsere Großmuttter ihr so manches Mal noch extra den Hals
waschen wollte. Auf dem Rücken hatte sie den "Peleponnes", eine
Pigmentfigur.
Dörte war immer eine gute Tante: 1963 Sommer. Sikoras
hatten schon 3 Kinder, leider alle seit 8 Wochen Keuchhusten. Dörte
erklärte sich bereit, Stefan (*Nov. 62) in Perleberg mit Omis Hilfe zu
betreuen, damit die Eltern (Chr. u. Uli) mit den beiden anderen zur Ostsee
fahren konnten. Anläßlich Berlinbesuchen der Cottbusser Familie
waren Dörte und Peter auch immer der Anlaufpunkt, umgekehrt waren sie
natürlich bei Familienfeiern gern gesehene Gäste. Dörte war auch
Taufpatin von Christiane. Gern ließ sie sich auch von den Kindern durch
Zeichnungen und Basteleien beschenken. Sie war schon Leiterin der
Zentralbibliothek der Charité, als ihr ältester Neffe Uli Student
der Zahnmedizin an der HU wurde. Sie stellte ihn als Boten und
Fachzeitschriften-Austräger ein, um sein Stipendium aufzubessern. Ich
glaube, die 100 Mark hat sie aus dem eigenen Portemonnaie genommen. Für
ihre Nichten und Neffen machte sie gern Handarrbeiten, strickte Pullover und
Jäckchen und bestickte sie mit den gewünschten Mustern. Als
Christiane erkrankte, war Dörte uns eine große Hilfe. Sie brachte
Nani als Patientin in der Charité unter (Sommer 1986). Anne Sondermeier,
(*6.Dez. 1984) Risikogeburt, kam in der Charité auf die Welt, als
Stromausfall eiintrat. Dörte sorgte für Wärmeflaschen u.s.w.
Michael Kotr^c, Nanis Mann (Heirat 1982) litt unter Dauer-Kopfschmerz.
Dörte sorgte für eine Untersuchung durch den gerade neu angeschafften
Computertomographen der Charité.
Dörte verfolgte mit
großem Interesse die Ausbildung ihrer Neffen und Nichten, natürlich
besonders die angehenden medizinischen Berufe. Ulis Promotion, seine
Doktorväter, Sabines dergl. (Heirat beider August 1981) und das Studium
von Ute Sondermeier. Auch die Doktorarbeit ihres Schwagers Ulrich fand ihre
Anteilnahme.
Folgendes ist immer noch in meiner Erinnerung und zeitgeschichtlich (DDR!) interessant. Schwager Ulrich, Zahnarzt der Poliklinik Cottbus und Assistent an der Kieferchirurgie des Klinikums Cottbus im Aufbau unter Dr. Pape arbeitete über Unteruchungen von Leichenbrandresten eines bronzezeitlichen Urnengrabes, Doktorvater Prof. Grimm vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der HU. Die Leichenreste waren nach Urnen sortiert in kleinen Pappkartons aufbewahrt und sollten nach den Untersuchungen vom Doktoranden zurückgebracht werden.- Nun muß gesagt erklärt werden, daß die Perleberger Mutter Sondermeier immer noch Hühner hatte, während das ganze Viehzeug der Nachkriegszeit längst abgeschafft war. Wir hatten ja, weil wir Land besaßen von den Urgroßvätern her, nach dem Krieg von der Sowj. Besatzungsmacht die Auflage erhalten, so und so viel pflanzl. und tierische Produkte jeglicher Art abzuliefern. Wir hatten auch 2 Ziegen, stellten selber Ziegenbutter her (Sahne in Flaschen so lange schütteln, bis sie verklumpt !). Also, Anfang der 60er Jahre waren nur noch die Hühner da, die aber die besten frischen Eier mit dunkelgelben Dottern lieferten. Etwas sehr Gutes für die Enkel in Cottbus! Die glücklichen Hühner fraßen nicht nur das Grün von ihrem Auslauf und die Körner, die gegen Eier bei der Erfassungsstelle eingetauscht wurden in Hof und Garten, sondern auch als Kalklieferer die getrockneten und zerkleinerten Eierschalen, und die eben mußten von Cottbus wieder zurück nach Perleberg. Was lag da näher, als daß man sie Dörte übergab, die doch öfter mal in die alte Heimat fuhr? Und noch näher lag wohl, daß der Doktorand den Eierschalenkasten bei Dörte abgab, als er zu Professor Grimm fuhr, um den Karton mit den Leichenbrandresten abzuliefern. Am allernächsten liegrt wohl, daß es Dörte gar nicht behagte, Eierschalen durch die DDR zu transportieren. Wie dem abhelfen? Anruf genügt! "Uli hat mir den Karton für Prof. Grimm hier gelassen und die Eierschalen mit ins Institut genommen!" Mein Entsetzen war groß, riesengroß. Als der angebliche Irrtum aufgeklärt wurde, fielen uns Steine vom Herzen, die Lachsalven aber wiederholen sich immer noch.
Auch Anne Sondermeier, die nach dem Abitur in
Lübeck als Steuerberaterin ausgebildet und examiniert wurde, wurde
anschließend Physiotherapeutin. Dörte und ihr jüngerer
Bruder: Mein Vater wollte, daß dieser Götz
heißen solte. Er war ja immerhin fast 56 Jahre, als der Junge auf die
Welt kam und alle Welt meinte, oho! So meinte der alte Vater: Ihr könnt
mich mal, und: Götz von Berlichingen. Aber Dörte und ihre Geschwister
meinten, Peter müßte der Knabe heißen. Also G.P. wurde er
getauft, übrigens am gleichen Tag von Dörtes Konfirmation, sie wurde
auch Taufpatin. Das Brüderchen wuchs heran und zeigte sich als
kräftig, kess und frühreif, so daß er vorzeitig eingeschult
wurde. Leider zeigte sich, daß er Kippen auf der Straße
aufsammelte, um sich daraus Zigaretten zu drehen und natürlich auch zu
rauchen. Was dagegen tun? Dörte sprach mit ihrem damaligen Chef, Dr.
Henneberg. Sie beschlossen, den 7 oder 8jährigen vor den
Röntgenapparat zu stellen und eine Diagnose zu geben. Diese lautete: Die
Lunge ist an den Lungenflügeln voller Zigarrettenasche; wenn das Kimd noch
mehr raucht, kann es nicht mehr atmen!
1989 - welch aufregender Herbst!
Aber zu meinem Geburtstag (9.9.), als ich "grenzmündig" wurde, herrschten
noch die strengen, gemeinen Regeln der DDR. Mit Schaudern dachte und denke ich
an meinen ersten Grenzübertritt am Bahnhof Friedrichstraße im
"Palast der Tränen". Dörte hatte schon öfter diesen
Grenzübergang benutzt und sich angeboten, mit mir die Passage zu nehmen.
Bei ihr ging alles glatt, bei mir nur die Visum-Kontrolle. Zur
Gepäckkontrolle wurde ich in einen Extra-Raum geschoben. Das dauerte wohl
eine halbe Stunde, dann kam zu der Kontrolleurin ein Kontrolleur, es war
entsetzlich und entwürdigend. Als ich schließlich entlassen wurde,
war Dörte nicht mehr da, denn nach langem Warten dachte sie, ich
hätte sie in dem Gedränge verloren oder übersehen. Sie fuhr zu
Hilde, ich zu Anneliese. Nach vier Stunden telefonierten wir glücklich
miteinander."
Die Bilderzeigen die Mutter Hildegard Sondermeier mit der noch ganz kleinen Dörte auf der Straße in der Nähe des eigenen Anwesens (Haus, Hof und Fabrik), den Vater mit Dörte und die Mutter mit Christel auf dem Arm (Ausschnitt aus einem größeren Familienbild), Dörte und Christel zu Weihnachten, Dörte und Christel mit ihrem kleinen Brüderchen Walther (1930), das Haus mit der Veranda (rechts beginnt die Fabrik) und den jüngsten Bruder: Götz Peter (dreijährig 1944).
Frau Margot Kermann, die uns am 16.11.2001 erlassen hat, nachdem sie gerade ihr 95. Lebensjahr in bewundernswerter Frische und Geistesstärke vollendet hatte, und der Dörte und der wir kurz nach der Wende schöne Reiseerlebnisse verdanken, schickte mir unlängst ein Kinderbild vom 31. August 1941, auf dem Dörte mit ihren drei Geschwistern zu sehen sein sollte. Aber sind sie es wirklich? Vier sind es und die Geschlechtsverteilung stimmt, das Jüngste befindet sich im Steckkissen, was zeitlich für das vor zwei Monaten eingetroffene Brüderchen stimmen könnte. Aber Dörte war damals 14 Jahre alt. So alt ist das Mädchen, das ihr neues Brüderchen hält, auf keinen Fall. Auch war Dörte ein ganz anderer Typ: dunkel pigmentiert, dunkel- und kurzhaarig, fast wie ein Knabe aussehend. Das andere Mädchen erinnert eher an Ingrid Bergmann als an Dörtes Schwester Christel. Alle Geschwister bestreiten, es zu sein. Christel sagt, sie hätten nie Zöpfchen gehabt. Wer ist es dann aber wirklich?
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Zuletzt am 2.2.2002 inhaltlich verändert.