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Die neue offizielle Rechtschreibreform ist eine
sinnlose und ärgerliche Halbherzigkeit und eine Illusion. Indem sie die
Grenzen der Regelgültigkeiten nur verschiebt, löst sie kaum
Schwierigkeiten, schafft aber reichlich neue.Wie jede Grenzziehung bzw.
-verschiebung in einem Kontinuum der Übergänge ersetzt sie alte
Willkür durch neue, muss neu erlernt werden, ist nicht viel leichter zu
erlernen als die alte, schafft Verwirrung und Ärger, bereitet Mühe,
ist teuer und gibt das bisherige Schriftgut antiquierter Lächerlichkeit
preis. Jede Rechtschreibung ist in historischer Willkür, in
Zufälligkeiten, Irrtümern und Widersprüchlichkeiten entstanden,
ist teils phonetisch, teils etymologisch, teils durch nichts begründet,
ist "unlogisch" und bereitet naturgemäß beim Erlernen den Kindern
und Ausländern Schwierigkeiten Aber irgendwie ist alles eine eingebleute
Gewohnheit, schließlich sogar eine liebgewordenen, die man zäh und
kopfschüttelnd verteidigt gegen jede Reform, als ginge die Welt halb
unter. Umgewöhnung ist nötig, fällt nie leicht, verursacht
Kopfschütteln, bestenfalls Lächeln. Umlernen macht wenig Freude.Die
Änderung jeder noch so unsinnigen Schreibweise wird als Ärgernis bis
hin zum Sakrileg empfunden, schon deshalb als falsch, weil einen
rotstiftschwingende Lehrer dressiert haben, sie als allein richtig und das
derzeitige Muster als Absolutum zu sehen. Überdies Jede andere Schreibung
war falsch und Sache der verachtetn Dummen, Ungeübten, der deutschen
Sprache nicht richtig Mächtigen. Nun aber etwas, wofür es bisher die
schlechteste Schulnote gegeben hätte allein richtig und vorbildlich sein.
Man sei aber getrost, die schlechten Rechtschreiber werden weiterhin schlecht
rechtschreiben. Sie werden nicht gleich gut oder gar besser als wir Guten. Wer
Papier nur zum Einwickeln oder zu Reinigungszwecken benutzt, wer dem Schreiben
und Lesen fernsteht, wird nur zu geringer Perfektion gelangen, wie das bei
jeder ungeübten oder selten ausgübten Tätigkeit der Fall ist.
Das wird auch die Reform nur sehr unwesentlich ändern. Durch mangelnde
Übung bedingte Defizite der Rechtschreibung (und des gewandten Stils!)
wirken sich selten schlimm aus, solange der Ungeübte nur mit
seinesgleichen korrespondiert. Bei offiziellen Schreiben, Behördenbriefen
und Bewerbungen sieht das zwar anders aus, aber ein präsumptiver
Arbeitsgeber wird vom Wenig- oder Kaumschreiber anderswo Fähigkeiten
erwarten als beim Korrespondieren. Außerdem sind in einer Zeit, die
Laxheit und die "Freiheit" der Willkür vorzieht, Exaltiertheit,
Unfähigkeit, Disziplinlosigkeit und Faulheit und den universellen
reflektorischen Widerspruch zum Kult erhebt, Regelverstöße so en
vogue, dass selbst der, der es besser weiß, schlechter spricht und
schreibt, um nicht als Spießer zu gelten. Man vermag heute, auf Defizite
stolz zu sein, etwa darauf, kein Wort in einer fremden Sprache zu verstehen. So
macht man aus der Unzulänglichkeit ein Verdienst und einen Zuwachs an
Selbstzufriedenheit. Und das, was man für schöpferischen Einfall und
freie Entscheidung hält, hat man doch nur gerade anderen
abgeguckt. |
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letzte inhaltliche Änderung am 3.8.2002